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Journal: Die Benutzerfreundlichkeit bringt uns in’s Grab

von  Bastian  |  

Apples größte Fähigkeit, komplizierte Technik einfach bedienbar zu machen, hat mit iPhone, iPod + iTunes und dem iPad große Gewinne eingefahren, und den Benutzern viel Komfort geschaffen. Auch wurde die gesamte IT Branche wach gerüttelt und hat mehr in Richtung Benutzerfreundlichkeit investiert.

Doch jeder Trend ist einmal vorbei, jeder Wachstum hat seine Grenzen und so scheint es dass die Benutzerfreundlichkeit in NSA, PRISM und Co erstickt.

Warum das so ist? Benutzerfreundlichkeit heißt in der IT: Mach eine Schaltfläche die dahinter hunderte Funktionen ausführt, und der Benutzer nur ein kleines Ergebnis sieht. Die Vorteile sind natürlich immens: Ich muss kein Programm auf der Kommandozeile kompilieren um es ausführbar zu machen, eine grafische Oberfläche vereinfacht eine Anwendung enorm, ein Klick auf “Netzwerkverbindung herstellen” ist komfortabler als jedes Datenpaket von Hand los zu schicken und die Verbindung auf zu bauen.

Eine Analogie aus der Auto-Branche: Konnte früher noch ein interessierter Bastler bei einem Nichtfunktionieren das Auto auseinander nehmen und den Fehler zu suchen, ist mittlerweile so viel Elektronik vorhanden dass dazu Sonderzubehör benötigt wird. Es muss sich also auf eine geeignete Werkstatt verlassen werden, und diese wiederum verlässt sich auf die Computer-Zubehör-Anzeige.

Bei Druckern war es doch schon lange so: Beim Druckkopf-Reinigungsprozess wird ein bisschen Tinte abgezwackt, und wenn eine Patrone leer ist streikt er komplett.

So in etwa hat sich auch die gesamte IT Landschaft verändert. Haben früher nur Nerds am Computer gewerkelt, so sind Mikrocontroller, Prozessoren und Mechanismen überall. Und das heißt auch: Sie müssen für jeden anwendbar sein. Eine Krankenschwester oder Postbote darf sich nicht darum kümmern wie die CPU Prozesse verarbeitet, die Software die Ergebnisse verarbeitet und darstellt. Hier kommt das “Eine-Schaltfläche-Prinzip” wieder zum Tragen.

Apps setzen hier noch die Krone auf: Ohne jegliche Ahnung was im Hintergrund abläuft wird oft eine Anwendung verwendet die ganz andere Dinge im Schilde führt. Wir verlassen uns also auf Hersteller der Anwendung, auf die Betreiber der App-Stores, und auf die Betreiber der Server-Farmen und Schaltzentralen rund um den Globus. Was genau dahinter steckt wird mit der Zeit so komplex, dass ein einzelner Tap auf eine Schaltfläche bis zur Verarbeitung und Rücksendung des Ergebnisses schon gar nicht mehr von einer einzigen Person verstanden werden kann.

Aktuell stecken Konzerne hinter der Dienst-Bereitstellung, Hersteller hinter den Apps die wir benutzen. Es gibt also quasi keinen Schutz, weder Staat (oder vielleicht: ganz besonders nicht der Staat?) noch irgendwelche Organisationen die uns schützen.

In Zeiten des Internets, Wikipedia, der sozialen Vernetzung und Co ist dies aber der beste Anschub an einen selbst.

Was ich damit sagen will: Es gibt keinen besseren Startpunkt sich selbst für sein IT-Handeln verantwortlich zu machen. Muss man sonst aus irgendwelchen “Käfigen” und Grenzen ausbrechen um erst für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, ist es jetzt gerade zu trivial: Es gibt keinen der es macht, also fällt das Ausbrechen schon mal weg.

Kryptoparties könnten ein erster Anfang sein. Ein weiterer Schritt wäre es die Technik hinter der Technik verstehen zu lernen. Mit dem fast kostenlosen Zugang zu Wissen ein leichtes.

Welche Anforderungen sollten wir also an uns selbst stellen?

  1. Überblick verschaffen: Welche Geräte nutze ich? Welches Betriebssystem? Welche Dienstleistungen verwende ich? Als Beispiel: Mac, iPhone. OS X und iOS. iCloud, Dropbox, GMail und Co. 
  2. Welche Firmen stecken hinter diesen Produkten? Mit welchen Firmen sind diese Hersteller vernetzt? Wodurch erzielen die Produkte ihren Gewinn? Werbung?
  3. Welche Informationen haben diese Hersteller über mich? Welche gebe ich Preis? Aktuell wohl: ALLES. Von IP-Adressen, Standort bis sensible Daten.
  4. Welche Techniken stecken dahinter? Gibt es eine Verschlüsselung? Wenn ja, welche? Wie funktioniert sie? Wie kommunizieren diese Dienste (Apps, Dropbox) miteinander? Wie greifen sie auf mein System und meine Daten zu?

Der erste Schritt wäre: Einschränken. Könnte man meinen: “Naja, sie haben jetzt sowieso schon alles, jetzt ist es auch schon egal.”

Falsch gedacht. Denn Benutzerdaten die 1 Jahr alt sind können doch bei weitem nicht mehr brauchbar sein. Was bringt es Google wenn sie wissen wo der User vor einem Jahr war? Wenn sie danach keinerlei Informationen mehr besitzen ist es ziemlich irrelevant (auf deine Einzelnen gesehen).

Klar: Die Lage ist kritisch. Kommuniziert ihr über eure OwnCloud mit einem GMail-Benutzer, so bekommt Google trotzdem noch alles mit. Aber dies ist ein erster Schritt.

Die Kunst besteht jetzt darin sich nicht komplett offline zu begeben, sondern Wissen anzuhäufen. Mit diesem Wissen können Projekte unterstützt werden die genau diese Datenschleuderei verhindern wollen. Mit dem Wissen könnt Ihr Euch eigene Dienste schreiben, eigene Wege finden.

In dieser digitalen Welt sollte jeder programmieren können, jeder wissen warum wie was geschieht.

War es früher so dass “man ein Auto selbst reparieren muss”, so muss es jetzt heißen: Solange du keine eigene App schreiben kannst, dann nutze auch keine.

Diese Worte klingen vielleicht drastisch, und eine IT-Fremde Person (Krankenschwester, Anwalt, Arzt etc.) will sich nicht zwingend damit beschäftigen. Also könnte man diesen Wissensverlust kompensieren in dem Organisationen gegründet werden die sich genau mit diesen Themen auseinander setzen.

Nutzt Linux, holt euch einen Raspberry PI, versteht wie die IT Welt tickt, und macht auf Probleme aufmerksam.

Denn: Umso nutzerfreundlicher die IT Welt wird, desto mehr wird auch verschleiert was im Hintergrund wirklich abläuft.

Autor: Bastian

Als Informatik-Student, und seit kurzem stellv. Chef-Redakteur bei MACBUG.de, will ich neuen Usern helfen, in die Macintosh-Welt ein zu tauchen, sowie langjährigen Nutzern neue Möglichkeiten eröffnen, wie Sie noch effizienter mit einem Mac arbeiten können. Themengebiete: UNIX, Terminal, MacOS X Allgemein Über Anregungen, Kritik und Problemberichte freue ich mich sehr - via Kommentar-Funktion oder Kontaktformular!

3 Kommentare

  1. Im Grunde stimme ich dir ja in deiner Beobachtung zu, aber so wie du es hier vorbringst, stimmt sie dann leider wieder nicht.
    Zunächst mal zur Benutzerfreundlichkeit:

    “Benutzerfreundlichkeit heißt in der IT: Mach eine Schaltfläche die dahinter hunderte Funktionen ausführt, und der Benutzer nur ein kleines Ergebnis sieht.”

    Das ist so nicht richtig. Es gibt zugegebenermaßen viele Faktoren, die Benutzerfreundlichkeit auszeichnen, aber dieser gehört leider nicht dazu. Ich kann auch eine App mit einem Simplen Schalter haben, der die Beschriftung “erhöhen” trägt und mit diesem die Zahl darunter erhöhen. Diese App macht zwar wenig Sinn, aber ist total benutzerfreundlich. Ich wüsste nicht, wer sie nicht bedienen könnte. Und doch wird im Hintergrund nur eine view geupdated und ein Integer erhöht.

    Benutzfreundlichkeit im Sinne von Intuitiven Systemen zeichnet sich zunächst mal dadurch aus, dass die Menge der neuen Dinge, die ich lernen muss, um ein System zu bedienen, möglichst klein ist. Mit den dahinterstehenden Funktionen hat das allerdings nichts zu tun.

    Genauso kann allerdings auch ein total schlecht benutzbares Programm all deine Daten im Hintergrund an irgendwelche Server schicken – selbst der simple Terminalbefehl.

    Benutzerfreundlichkeit muss nicht einmal ein GUI miteinbeziehen. Benutzerfreundlichkeit fängt schon im Terminal oder beim Programmieren an, wenn man seinen Funktionen indem man seinen Funktionen nicht total kryptische Namen gibt, die sich kein Mensch merken kann (auch, wenn das ja meist nicht ganz ohne Eigennutzen geschieht ;) ).

    Von daher gilt für deine Beobachtung in dieser Form eher correlation doesn’t imply causation. Was aber stimmt ist, dass komplexere Programme (und das ist ja heute schon jede noch so simple App im Vergleich zu den paar Zeilen Code zu Beginn des Computerzeitalters) oft darauf vertrauen müssen, dass andere Ihren Job richtig gemacht haben. Schreibe ich eine App, muss ich mich darauf verlassen, dass Apples Frameworks funktionieren. Je komplexer nun die Software ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht von einer einzelnen Person geschrieben wurde und daraus folgt wiederum eine gesteigerte Gefahr eines Datenmissbrauchs – allerdings ist das ja zum Glück nur eine Gefahr und kein muss ;)

  2. Ich weiß noch, wie ich vor geschätzt 140 Jahren anfing, mich für Computer zu begeistern. Damals gab’s nichts anderes als die Kommandozeile, sodass man selbst für das Starten von Programmen recht kryptische Befehle eintippen musste. Da gab’s ein dickes Handbuch, und da standen die Befehle drin. Automatismen oder “ein Button, der im Hintergrund viele Dinge erledigt” gab es nicht, folglich wusste man genau, was der Computer gerade tat.

    Man sieht daran, dass es bereits eine Zeit gab, in der die Anwender sehr bewusst mit dem Computer umgegangen sind.

    Seitdem hat sich aber sehr viel verändert. Der Computer und das Internet sind ein Kulturgut geworden, vergleichbar mit dem Buchdruck. Der Zugang zu Bildung, Information und Kommunikation ist in unserer heutigen Welt elementar und muss jedem offen stehen.

    Die große Errungenschaft besteht darin, dass die enorme Nützlichkeit des Internets auch jenen offensteht, die keinen Schimmer haben, was “TCP/IP” bedeutet. Ich finde, die Leute haben ein Recht darauf, das Internet auch ohne dieses Wissen nutzen zu können.

    Zum Beispiel meine Mutter, die demnächst 72 Jahre alt wird. Da sie gesundheitsbedingt nicht nach draußen gehen kann, ist ihr iMac das Fenster zur Welt. Sie surft zu Wikipedia, verfolgt politische Talkshows in den diversen Mediatheken, schaut sich auf YouTube einen Beitrag über die alten Ägypter an, unterhält sich mit den Kindern per Video-Chat und freut sich über neue Fotos ihres kleinen Enkelsohns. Keine Übertreibung ist groß genug, um die Wichtigkeit dieses iMacs für sie zu beschreiben.

    Dass sie all diese Anwendungen ausführen kann, ohne irgendeinen Schimmer von der Technologie haben zu müssen, ist ein Wunder. Ich kann Apple nur auf Knien danken für diesen fantastischen Computer, der selbst dann noch funktioniert, wenn der Anwender weder weiß, wie man ihn einschaltet, noch was ein Dateisystem ist.

    Es ist völlig aussichtslos, meine Mutter über die Technik zu belehren. Sie ist schlau, aber es geht ihr wie uns allen: Was einen nicht wirklich interessiert, hat man morgen schon wieder vergessen. Sie wird deshalb niemals eine echte Kontrolle ausüben können über das, was im “TCP/IP”-Kontrollfeld vor sich geht oder wie man eine Verschlüsselung einrichtet.

    Im Grunde steckt hinter diesem ganzen Technik-Kram eine große Stümperei. Wieso hat ein Computer im Jahr 2013 überhaupt irgendwelche Kontrollfelder, die kein Mensch versteht? Diese Kontrollfelder existieren nur deshalb, weil die Erfinder nicht clever genug waren, es ohne diesen ganzen Zirkus zum Laufen zu bekommen. Ich weiß, ich weiß… das Internet und “TCP/IP” war damals nicht für Konsumenten gedacht. Aber langsam könnte man sich der Realität stellen und den Krempel mal aufräumen. Kein Schwein interessiert sich für “TCP/IP”, das ist die Wahrheit.

    Wenn Verschlüsselung so wichtig ist: Wieso verschlüsselt dann der Computer die Dinge nicht automatisch?

    Es ist die Aufgabe der Hersteller und der Politik, dafür zu sorgen, dass alle Menschen diese wichtige Technologie nutzen können. Die Hersteller müssen die Dinge vereinfachen. Zum Beispiel, dass man die Verschlüsselung von vornherein einbaut. Und nicht, dass man noch drei optionale Verschlüsselungs-Kontrollfelder anstückelt. Die Politik muss dafür sorgen, dass das Internet frei und sicher bleibt. Die reinen Anwender sind damit überfordert.

    Wir, die Nerds, sind natürlich eine andere Baustelle. Wir sollten uns tatsächlich mehr anstrengen und auch darauf achten, dass wir nicht zu reinen Anwendern werden. Da gebe ich dem Artikel völlig recht. In der Schule sollte man wieder davon abrücken, im Informatik-Unterricht lediglich zu lehren, wie man den Fettdruck von Word einschaltet.

    Wir Nerds und Fachleute sollten den reinen Anwendern nicht raten, endlich Programmieren zu lernen. Denn das werden sie nicht tun. Stattdessen sollten wir Verantwortung für sie übernehmen. Warum? Weil wir so furchtbar gut sind. Wenn also irgendein Skandal aufgedeckt wird (wie jetzt mit der NSA), dann sollten wir die Sprecher sein für alle, die nicht für sich selbst sprechen können, weil sie es technisch nicht durchschauen.

    Ah, so ein Mist. Bastian schreibt einfach tolle Artikel, auch wenn ich nicht immer der gleichen Meinung bin. Jetzt bin ich schon wieder darauf hereingefallen…!

    • :) Das freut mich….

      Du hast natürlich Recht. Ich sehe allerdings hierbei das Problem: Meine Generation weiß schon gar nicht mehr wie ein Compiler funktioniert. Das klingt jetzt trivial, aber ich arbeite schon nur noch eine Abstraktionsschicht weiter drüber.

      In Zeiten des Internets sind es gleich 3-4, denn was nach dem Browser kommt stört doch eigentlich keinen mehr so richtig.

      Wenn wir das Wissen also ein paar wenigen überlassen, dann können diese auch recht viel damit anstellen. Ich unterstelle keinem Böses, aber ich habe lieber eine schlaue Bevölkerung als ein paar die das Wissensgut tragen.

      Mit den puren Anwendern ist tatsächlich nicht einfach. Wenn man diese also nicht zum Programmieren bringt, dann sollte doch wenigstens drin sein Grundinformationen zu vermitteln. Und das gleich in der Schule. Die jetzige Generation bekommt man natürlich nicht mehr so leicht, aber warum nicht in der 5./6. Klasse C oder Java Programmieren lernen? 1 Jahr lang? Es liegt nicht jedem, aber ich bin mal so frech um zu sagen: Prozessoren und Programmiersprachen nehmen in ein paar Jahren wohl mehr Platz ein als Rechnen.

      Zumindest sollte ein Grundverständnis geschaffen werden. Oder soll man immer nur Amerikaner sehen die Facebook, Google und Co groß ziehen, und wir nutzen brav deren Dienste?

      Ein Umdenken wäre sicher nicht schlecht, und Programmieren ist eben auch nur eine Fremdsprache wie Englisch.

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