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Erfahrungsbericht: Einen Monat ohne Soziale Medien (Facebook, twitter, Google+ und Co.)

von  Bastian  |  

Kollege Takeo hat es in einem kritischen Journal-Beitrag schon einmal angerissen: Die heutige Kultur (besser gesagt: Generation) ist ständig verfügbar und “On”. Dabei geht es nicht um E-Mails, News-Apps und Co, sondern vorrangig um die sozialen Medien. Twitter und Facebook nehmen wohl bei vielen den größten Freiraum ein.

Ein simples “Pro vs. Anti Facebook” ist hier denke ich zu kurz gegriffen. Die beiden Lager schenken sich nichts, und egal ob für oder dagegen: Mit der richtige Handhabe ist aus beiden Varianten viel heraus zu holen.

Dies ist also eher ein persönlicher Erfahrungsbericht: Gründe, Auswirkungen und Fazit.

Gründe gibt es viele: In der IT Welt werden die Nachrichten stündlich, wenn nicht sogar minütlich gepusht. Via RSS auf dem Laufenden zu bleiben kostet Zeit. Facebook ist nicht anders: Über die Jahre lernt man viele Menschen kennen, via Facebook ist man innerhalb weniger Sekunden vernetzt und “befreundet”. Dabei sehe ich die hohe Anzahl der “Freunde” als gar nicht so kritisch an. Vor meinem Ausstieg waren es ca. 550. Der erste Schritt war für mich: Ich will dieses Werkzeug besser nutzen, nur noch das lesen was mich wirklich interessiert und über die Menschen auf dem Laufenden bleiben mit denen mich etwas verbindet. Also ist die Zahl von 550 erstmal auf 180 geschrumpft. Natürlich hat kein normaler Mensch 180 Freunde. Selbst sozial ausgeprägte Personen dürften einen festen Freundeskreis von rund 10-20 Freunden haben. Wirklich vertraut davon sind es denke ich eine handvoll.

Bei Facebook war es für mich schnell klar: Während ich im Sommer ca. 14 Tage öfter im Urlaub war, habe ich gemerkt wie sinnlos diese Status-Updates sind. Ist man in seiner gewohnten Umgebung merkt man dies so gar nicht. Doch erst einmal weit weg verschwindet auch die Sucht ständig auf Facebook zu gucken ob sich etwas getan hat.

Und wenn, dann meist von den Leuten bei denen man sagt: “Ah, interessant, wohnt die/der also jetzt da und dort!”

Weiterer Anhaltspunkt: Alte und gute Freunde haben sich trotzdem per Anruf, WhatsApp oder SMS gemeldet. Da gab es kein: “Schreib ich mal auf Facebook an um zu gucken ob was geht.” Sondern da ist Interesse da, und in meiner Generation (ich bin 24) wiegt eine SMS oder WhatsApp Nachricht mehr als Facebook. Also kann ich sicher nicht für die Generation sprechen die mit Facebook aufgewachsen sind.

Ich wollte also in der Früh aufstehen ohne obligatorisch alle Facebook-Nachrichten der letzten Stunden nach zu lesen. Wollte mit jemanden sprechen ohne dass mein iPhone vibriert mit “Neue Nachricht von xyz”. Klar, das ganze kann abgestellt werden. Habe ich auch gemacht. Doch dann sitzt man eben Abend vorm Mac und liest sich alles durch.

Es wird also mehr Schwachsinn verbreitet und geredet als es eigentlich notwendig ist.

So, einfach mal: Namen geändert, Fake-E-Mail war sowieso schon drin, alle Freunde gelöscht, alle Verläufe der letzten 3 Jahre entfernt, und mein Konto “deaktiviert”.

Weiter ging es mit meinem RSS-Reader. Dank Googles Entscheidung habe ich es schon vor ein paar Monaten versucht ohne durchs Leben zu gehen. Fazit: Hat nicht geklappt. Gute Blogs findet man mal kurz und abonniert schnell RSS. Perfekt. Doch täglich schwappen über 500 Meldungen herein, von denen ich die meisten weg klicke.

Also: Weg damit. Die wichtigsten als Lesezeichen im Safari. Jetzt lese ich wann ICH es für richtig erachte. Wichtige Meldungen bekommt man trotzdem mit, denn eine handvoll Blogs reicht, verbreiten sich die meisten News doch sowieso tausendfach nur mit anderer Schreibweise auf allen Seiten.

Twitter war schon etwas schwerer. Gerade StartUps wie Jolla habe ich gerne via twitter verfolgt. Auch interessante Personen die oft Tipps in Sachen Mac, Webentwicklung etc. geben habe ich nun nicht mehr. Dieser Punkt ist kritisch. Aber auch hier: Muss ich ständig lesen was andere so machen, denken und fühlen?

Google+ war nicht schwer. Ich hätte dieses soziale Netzwerk gerne als Alleinunterhalter gehabt wo alle Freunde und Infos reinlaufen. Aber da es so gut wie ausgestorben ist: Weg damit.


 

So, was will ich damit erreichen? Wieder: Pro Contra soziale Medien? 

Nein. Die Frage ist doch viel mehr: Was will ich für ein Mensch sein, welche Werte will ich vertreten und welche Freunde und Bekannte will ich um mich scheren. Brauch ich dazu soziale Medien? Es hilft, schafft aber gleichzeitig eine Distanz. Ich muss jetzt einfach anrufen oder direkt eine SMS schreiben um auf dem Laufenden zu bleiben. Und das schafft eine Verbundenheit.

Wenn ich in den Vorlesungen sehe wie fast alle Studenten nebenbei Facebook geöffnet haben und wie Zombies sich durch die Nachrichten scrollen bin ich mit jedem Tag mehr froh da ausgestiegen zu sein.

Wie bekommt man jetzt neue Richtungen etc mit? Bietet doch das Internet genau das: Ich kann mich jeden Tag selbst neu erfinden, meine Meinungen auf die Probe stellen und neue Sachen entdecken.

Naja, es gibt so etwas wie einen Browser. Schon ziemlich lange. Mit Lesezeichen ist das alles halb so wild. Auch hier wieder: Qualität statt Quantität. Mein Fazit also: Ich habe tatsächlich nach kurzer Zeit wieder alte Freunde enger gebunden, und mit neuen Bekanntschaften bleibt man auch enger verzahnt. Ich muss jetzt nämlich nachfragen: “Wie war deine Woche?” und nicht “Ah cool, hab gelesen in Stadt xyz war es toll…….und sonst so?”

Der Handy-Akku hält länger, und ich schaffe es tatsächlich ohne iPhone aus dem Haus zu gehen (ok, nur zum Einkaufen, aber man muss ja nicht alles gleich zum Teufel schicken ;))

In der Warteschlange an der Kasse nimmt man seine Umwelt mal wieder wahr, und vertrödelt nicht die Zeit an der Facebook- oder Twitter-Timeline.

Fazit also: Das reale, das wirkliche Leben findet immer noch da draußen statt. All diese soziale Medien sind nur Hilfswerkzeuge die nützlich sein können, aber wohl nicht immer richtig gehandhabt werden.

Mein einziger Punkt an dem ich überlege: Twitter wieder zu reaktivieren. Aber mit einer Follower-Zahl unter 100.

Frage an Euch: Wie handhabt Ihr Euer soziales Online-Leben? Bemerkt Ihr einen Unterschied? Hat Facebook die Qualität Eurer Beziehungen gefestigt?

Autor: Bastian

Seit dem Relaunch von MACBUG.de für redaktionelle Texte zuständig. Vollzeit Frontend Developer, nebenberuflicher Autor für Macwelt und den Heise Verlag. Bastian auf twitter folgen.

  • iksmac

    Viele kennen keine E Mail und der Kontakt findet eben nur über Facebook statt.