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Mieten vs. Kaufen – Die neue Kultur des Nicht-Besitzens

von  Bastian  |  

Dieser Beitrag ist ein Journal Eintrag von MACBUG.de Redakteur Bastian. Er spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider, sondern dient dem offenen Meinungsaustausch.

Durch Adobes Strategie, die Creative Suite Reihe einzustellen, und das gesamte Angebot an hauseigenen Programmen in die “Cloud” zu verlagern, sind wieder Kritiker und Befürworter auf den Plan getreten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Die einen argumentieren mit billigeren Preisen und Vorteile für StartUps die nicht mehr auf einen Schlag mehrere tausend Euro los sind, die anderen jedoch fühlen sich beraubt und stellen klar, dass wenn das Abo ausgelaufen ist oder man nicht 20 Jahre lang zahlen will, die proprietären Dateiformate von Adobe, und damit die Projekte selbst, unbrauchbar werden.

Jetzt haben beide augenscheinlich Recht. Bevor ich mich jetzt aber auf eine Seite stelle will ich das “Problem” erst einmal umreisen.

Mit Spotify war es in Deutschland erstmals gelungen ein “Mietprodukt” auf Verbraucherebene massenweise zu vertreiben. Das Prinzip ist identisch zu anderen Anbietern die Produkte vermieten: Solange ich die monatliche Gebühr entrichte habe ich Zugriff auf das komplette Spotify-Musik-Angebot, und kann Tag und Nacht Lieder hören.

Watchever hat die letzten Monate im Film- und Serien-Bereich nachgezogen. Auch hier: Ich kaufe keine Filme, sondern ich habe Zugang zu der gesamten Bibliothek solange ich zahle.

Es ist in etwa so wie mit einer Wohnung: Solange ich sie nicht kaufe, miete ich eben. Der Vorteil ist dass ich umziehen kann wie ich lustig bin, und habe keine großen Verpflichtungen. Der Nachteil: Mein gesamtes Geld ist weg, ich habe keinen Wertgegenstand erworben mit dem ich mich absichern kann. Ich besitze also nichts.

Jetzt bin ich in einer Generation die von allem genügend zur Verfügung hat. Mir mangelt es an nichts und überall wird das Gefühl vermittelt: Solange ich etwas will, erreiche ich es auch. Die Möglichkeiten, vor allem durch die vernetzten Computer und Smartphones, sind unendlich.

Morgen Berlin, übermorgen Miami, und wieder zurück nach München. Alles möglich. Das Besitzen wird in dieser Generation eher zur Last. Warum sollte ich mir eine Wohnung kaufen? Soll ich tatsächlich ein Leben lang in der gleichen Stadt leben wollen? Umso mehr ich also besitze, desto träger werde ich.

Ein anderer Aspekt: Die “Zeiten” ändern sich so schnell, dass ich mir heute etwas kaufen könnte, das ich in einem halben Jahr überhaupt nicht mehr brauche. Das ist mit allem so, dennoch ist die Taktrate eine neue.

Smartphones sind das beste Beispiel: Warum kam noch keiner auf die Idee diese Dinger zu Vermieten? Im Moment sind die Neuerungen jedes Jahr zwar nicht so groß dass ich so ein Upgrade sofort benötige, jedoch bieten sie Verbesserungen die auch mein Leben verbessern bzw. vereinfachen könnten.

Der Besitz wird vielen iPhone-Usern sicher zur Last: Wohin mit der alten Generation? eBay? Wieder Verluste einfahren? Kauft es ein Bekannter?

Der Besitz wird also förmlich weggeschoben. Wo früher die Speicher gefüllt waren und nichts weggeschmissen wurde, so wird heute leicht und ungebunden gelebt.

Und diese Welten prallen jetzt gnadenlos aufeinander.

Ich musste mir anhören warum ich tatsächlich Kindle-Bücher kaufe. Die Rechte hält weiterhin Amazon, sie dürfen mir das Buch einfach löschen. Das ist doch Wahnsinn.

Meine Sicht: Ich zahle das Ding einmal, lese es. Vielleicht ein zweites Mal, und damit hat sich der Betrag (hoffentlich – bei einem guten Buch) rentiert. Was danach passiert: Egal. Warum sollte ich auch über die Jahre ca. 200 Bücher aufheben wollen?

Der nächste Punkt: In Großunternehmen werden keine Computer gekauft, sondern gemietet. HP und Co. bieten ihre Hardware auf Leihbasis an. Wenn ein Upgrade auf dem Markt ist werden die alten PCs gegen die neuen getauscht. Einfach so.

Man baut keine Bindung mehr zu Hardware auf. Wo früher Aufkleber und Verschönerungen an den Rückseiten geklebt haben sind es jetzt Seriennummern für die schnellere Zuordnung bei Anrufen oder Tauschaktionen.

Weiter geht es mit Wissen: Früher in Bibliotheken gehortet, und der der Zugang hatte war den anderen überlegen. Bücher waren teuer und Wissen ein hohes Gut. Durch Wikipedia und die Digitalisierung der Fachbücher ist Wissen aber zugänglicher. Die Preise fallen und jeder der sich in ein Thema einarbeiten will hat die Möglichkeit dazu. Also fallen auch hier die Bücher-Regale fast schon von alleine weg.

Und jetzt zum Ausgangspunkt: Adobe und Co. Meine Sicht der Dinge: Ich finde es klasse. Ich nutze  Adobe-Software mal mehr und mal weniger. Das größte Hindernis war bislang der Anschaffungspreis. Die Creative-Suite ist schon grandios, aber mehrere tausend Euro auf einen Schlag zahlen? Ohne es richtig zu benötigen? Niemals. Ich wich also auf andere Software aus. Beim Programmieren kein Problem.

Was ist jetzt aber mit Designer, Fotografen und Selbständige die Photoshop und Co benötigen? Für die Generation die ich oben charakterisiert habe ist es kein Problem. Ca. 30 Euro im Monat für eine Anwendung, für ca. 65 Euro das komplette Paket. Macht so ca. 780 Euro im Jahr. Wenn ich damit Geld verdiene ist es nach einem Auftrag wieder drin.

Und was ist nach diesem Jahr? Wer weiß ob ich die Anwendung da noch benötige? Oder mir macht es soviel Spaß dass sie erst recht benutze. Ich könnte auch einen neuen Mac/PC kaufen und muss mir keine Sorgen machen ob die Software, die ich vor einem Jahr erworben habe noch unterstützt wird. Mit dem Betrag bekomme ich immer die neuste. Zudem kann ich von überall aus arbeiten, und die Dateien gleich mit meinen Kunden online Teilen und Betrachten.

Es gibt aber auch die Generation: “Ich schaffe mir heute einen Mac an, verwende ihn die nächsten 10 Jahre und kaufe mir gleich noch die Creative Suite dazu. Auch die installiere ich heute und die bleibt die nächsten 10 Jahre auf dem Mac.”

Legitim, und diese Ansicht spart wohl auch viele Kosten. In Zeiten wo Hardware aber so rasant wächst, sich alles entwickelt, ist es auch ein veralteter Ansatz.

Vorteile durch solche Abo-Modelle sind doch: Ich kann die Software 5 Jahre lang mieten bis ich beim Preis von der “Kauf-Variante” bin, und habe zudem immer die neusten Updates. Die Anschaffung ist so gering dass ich sofort ein kleines Unternehmen damit aus dem Boden stampfen kann. Ohne groß Kapital aufbringen zu müssen.

Als ich damals eine GbR gegründet habe war ganz oben auf dem Anschaffungsplan: Adobe Creative Suite. Damals als Schüler eine Menge Geld. Wenn die Kosten von damals 600 Euro (Studentenpreis) auf 19,95 Euro im Monat geschrumpft wäre, hätten wir die restlichen Kosten für sinnvollere Posten ausgeben können.

Die alte Generation wird also abgelöst, Software wird gemietet und Filme und Musik gestreamt anstatt heruntergeladen/gekauft.

Natürlich gibt es jetzt wieder einen Aufschrei, dennoch werden die, die nachkommen, das als selbstverständlich erachten.

Man kann es so ausdrücken: Ich lebe nicht um zu kaufen, sondern um zu leben. Die Last des Besitzes ist weg, und ich kann alle Möglichkeiten die mir das heutige Leben bietet auch nutzen. Egal an welchem Ort, egal zu welcher Tageszeit.

Die einzige Zielgruppe die damit noch Probleme hat sind Freelancer. Sie arbeiten noch nach dem alten Modell. Eine Anschaffung, und damit erst einmal einen Grundstock haben um darauf aufbauen zu können. In der schnelllebigen Zeit, wo StartUps aus dem Boden schießen wie Löwenzahn im Sommer, ist es natürlich umso schwerer sich ein eigenes Einkommen aufzubauen.

Kommentare sind erwünscht, danke für die Zeit meinen Beitrag komplett zu lesen.

Autor: Bastian

Seit dem Relaunch von MACBUG.de für redaktionelle Texte zuständig. Vollzeit Frontend Developer, nebenberuflicher Autor für Macwelt und den Heise Verlag. Bastian auf twitter folgen.

  • Alex

    Das Leben in der “Bindungslosen-Gesellschaft” wäre vielleicht auch ein Titel gewesen. Ist selbst gehöre weder zur einen, noch zu anderen “Gruppe”. Für mich persönlich ist eine Kombination aus beidem sehr angenehm. Gerne bezahle ich eine montl. Rate an Spotify und habe somit Zugriff auf unendlich viel Musik, aber leider haben diese Mietangebote auch Nachteile.

    Watchever zum Beispiel würde ich gerne 8,99€ im Monat überweisen, wenn die Inhalte etwas aktueller wären und das Angebot größer. The Big Bang Theory Staffel 3 ist nicht umbedingt aktuell. Und wirklich aktuelle Filme sind auch eher selten. Aber dann kann ja noch werden.

    Bei diesen beiden Beispielen geht es aber eher um die Inhalte, so aber nicht bei Adobe. Dort bestimme ich die Inhalte, aber auch da sehe ich einen Nachteil, das Datenaufkommen. Alles was ich in die Could auslagere hat den charmanten Vorteil, dass ich immer darauf zugriff habe. Immer? Naja nur dann wenn ich eine Internetverbindung habe. Sollten sich die Modelle der Telekom durchsetzen und wir alle eine Drosselung bekommen, haben wir ein Problem und müssen wieder in die Tasche greifen.

    Auch der Down- und Upstream spielt noch eine Rolle. Leute wie ich aus einer Großstadt können sich nicht beschweren, aber es gibt noch genug Regionen in Deutschland, in denen eine 2000er DSL Leitung als schnell bezeichnet wird.

    Und jetzt kommt die Frage nach den ganzen Mietangeboten. Gehen wir davon aus, ich habe nur eine “2000er” DSL-Leitung und streame gerade einen HD-Film über Watchever, meine Freundin hört die neuste Musik über Spotify und in Hintergrund macht mein Mac ein Backup in die Cloud und am besten kommt dann noch ein FaceTime-Anruf rein… Ich würde sagen Performance ist etwas anderes.

    Also ich finde diese ganze Mieten und Auslagern in die Could hat schon seine Reize, aber dafür brauchen wir eine noch verlässlichere Infrastruktur zu angemesseneren Preisen.

  • surfingnsa

    Studententarif und gegründete GbR passen aber nicht so recht zusammen…