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Journal: Warum die aktuelle Datensammelwut noch keine Gefahr darstellt

von  Bastian  |  

Dieser Beitrag ist ein Journal Eintrag von MACBUG.de Redakteur Bastian. Er spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider, sondern dient dem offenen Meinungsaustausch.

Das Jahr 2012 neigt sich dem Ende zu, aber nicht nur kalendertechnisch stehen wir vor einem  Wechsel. Ein Ausdruck der neuen Zeitrechnung brachte wohl die Nominierung des Big Brother Awards für Larry Page.

Natürlich denkt man als Google-Nutzer über solche Nachrichten länger nach, und hinterfragt seine allgemeine Datenausbreitung im Internet.

Ich bin jedoch für mich persönlich zu einem zwiespältigen Ergebnis gekommen: Einerseits ist es besorgniserregend, auf der anderen Seite jedoch, und aus größerem Abstand betrachtet, nicht einmal ansatzweise schlimm. Denn auch Google stellt noch keinerlei Gefahr für mein Leben als Person in dieser Welt dar.

Fangen wir von vorne an:

Aktuell wird von jedem Nutzer, der einen Browser öffnet, hunderte oder gar tausende Daten erfasst. Jeder Klick im Netz wird verfolgt um so Werbung zu schalten oder Webseiten an eine bestimmte Nutzergruppe anzupassen. Diese Tracking-Mechanismen sind dabei keineswegs von den “Big Four” (Amazon, Google, Microsoft, Apple), sondern kommen von kleineren Unternehmen die sich darauf spezialisiert haben Nutzerdaten zu sammeln und auszuwerten.

Wer ein Stück weiter hinter die Kulissen blicken will: Das Firefox-Plugin Do-Not-Track-Plus blockiert alle Anfragen von solchen Tracking-Unternehmen, und zeigt diese grafisch an. Hier sieht man schön: Bei einer Stunde surfen fallen schon mehrere hundert blockierte Dienste an.

Doch was ist das genau? Was bedeutet eigentlich Daten sammeln? Nachfolgend soll kein 1×1 der verschiedenen Wege aufgeführt, sondern vielmehr ein Grundverständnis dafür geschaffen werden.

Wenn ich also mit Googles Chrome durch das Internet surfe, meinen Account-Daten mitsamt Passwort hinterlegt habe, zeichnet dieser alle meine Verläufe auf, und wertet diese aus. Populäres Beispiel: Google Now.

Ich lasse mir via Google Maps die Route zum nächsten Italiener zeigen, und schon bekomme ich unter der App Google Now eine sogenannte Karte, die mir dauerhaft anzeigt wie weit ich noch von diesem Italiener entfernt bin, und wann der nächste Bus dorthin fährt.

Weitere Beispiele sind: Passende Werbung über Zalando, Amazon und Co. Suche ich also auf Amazon nach einem neuen C++ – Buch, bekomme ich auf anderen Seiten einen Werbebanner mit passenden Beispielen. Dies sorgt natürlich für Besorgnis bei vielen Internet-Nutzern.

Google als populäres Beispiel: Alle Daten die ich über YouTube, Goolge Search, Google Mail und Co verbreite werden abgespeichert. Mein Profil wird ausgewertet um so passende Ereignisse, Apps oder andere Dienste anzubieten.

Die Bedenken: Google weiß bei weitem mehr als vielleicht meine engsten Familienmitglieder, Freunde und Verwandte. Auch mehr als mein Arbeitgeber oder meine Bank.

All Diese Daten werden in einer Datenbank gespeichert. Diese sieht ganz grob so aus wie ein Excel-Sheet. Ganz oben steht mein Name, und in jeder Zeile und Spalte stehen andere Werte zu meinem Surf-Verhalten.

In zwei Stufen kommen wir zur Kernproblematik.

Stufe 1: Diese Daten sind größtenteils nicht relevant (noch und auch nur nach heutigem Stand).

Denn: Wenn ich nach meinem Lieblingsverein google, und anschließend die letzten Tore bei YouTube betrachte um dann eine Werbung für das neuste Fan-Shirt auf Amazon erhalte ist das doch ganz nett.

Wo die Probleme anfangen: Ich könnte auch nach Schlafmittel suchen, nur um mich allgemein dafür zu interessieren. Oder ich suche nach anderen, vielleicht für eine bestimmte Zielgruppe charakteristische, Begriffen. Dies alles wäre auch noch nicht schlimm, wenn da nicht die Datenweitergabe wäre:

Denn für eine Versicherung, eine Bank oder einen Arbeitgeber wäre es natürlich interessant zu wissen welche Probleme mich bedrücken, oder ob ich plane eine lange Auszeit für 6 Monate zu nehmen. Denn noch bevor ich das überhaupt in die Tat umsetze, können diese Daten in Sekunden ausgewertet, und mit anderen “Auszeitnehmern” verglichen werden. So wüsste der Arbeitgeber schon am nächsten Morgen dass er sich wohl nach einem neuen Mitarbeiter umsehen muss.

Stufe 2: Wer wertet die Daten aus?

Eigentlich könnte es mir egal sein, ob Google weiß dass ich eine Auszeit nehme oder nach Schlafmitteln suche. Denn: Es sitzen keine millionen Mitarbeiter vor Bildschirmen die händisch diese Daten auswerten und danach Anzeigen starten. Es ist alles computer gesteuert, und kein Mitarbeiter schaut wirklich auf mein Profil. Vieles dürfte auch mehr als kryptisch abgespeichert sein, um es so leichter lesbar für einen Computer zu machen.

Der große Blick

Ich habe oben bereits angekündigt: Es ist nach heutigem Stand absolut egal, wer meine Daten hat. Und dies will ich erklären:

Daten sind aktuell nur Zeichen in einer Tabelle. Nicht nur das: Daten sind 0en und 1en in einer Tabelle. Warum es keine Buchstaben sind? Weil nach aktuellem Stand diese Daten Computer auswerten, die keinen blassen Schimmer haben was ein Satz ist, oder welches Wort welche Bedeutung hat.

Wenn man so will: Ein völlig neutraler Mensch.

Steht in meinem Tabelleneintrag also “Schlafmittel”, so gleicht ein Computer diese Zeichenfolge mit einer aus einer anderen Tabelle ab, und das Ergebnis gibt er an den Werbetreibenden weiter damit dieser seine Anzeigen passend schalten kann. Das Wort “Schlafmittel” ist in keinster Weise positiv, noch negativ, noch existiert es irgendwo. Es ist nur eine Zeichenfolge.

Wo die Problematik anfängt: Welches menschliches Wesen wertet diese Daten aus? Natürlich kann man auch einem Computer sagen: Gebe mir die Anzahl der Personen die im Umkreis von München wohnen, die nach der Zeichenfolge Schlafmittel suchen.

Mit vielen verschiedenen Suchbegriffen hat man ganz schnell ein Profil über bestimmte Gegenden erstellt, und kann Produktraster oder ähnliches darauf auslegen. Vielleicht müssen diese Personengruppen im Supermarkt bald mehr zahlen, weil sich herausgestellt hat dass sie sparsamer mit Nahrung umgehen, und somit nicht soviel einkaufen wie die Personengruppe 20km weiter?

Dies ist die eigentliche Gefahr (und noch einmal: aus heutigem Stand): Wenn Personen Macht über diese Daten bekommen, und Statistiken auswerten die sie vielleicht gar nicht verstehen.

Doch warum bin ich immer noch der Meinung dass es nicht besorgniserregend ist?

Wir alle kennen Behörden, Ämter und Unternehmen. Aktuell muss ich noch eine Versichertenkarte zum Arzt mitbringen, sonst bekomme ich gar keinen Termin. Rezepte die bei einem Arzt sind müssen zum nächsten gefaxt werden damit ich in einer anderen Stadt meine Medikamente bekomme. Besuche ich eine Schule und bekomme Bafög, so muss ich zig Formulare per Hand auswerten, von verschiedenen Personen gegenzeichnen lassen bis nach einigen Monaten der erste Betrag auf meinem Konto ist.

Banken und Versicherungen dürften dieser Thematik aber schon offener gegenüber stehen: Geht es hier doch um Geld und passende Produkte. So könnte ich, wie oben schon aufgezeigt, schnell benachteiligt werden weil ich im falschen Gebiet wohne.

Aber auch hier: Das ist teilweise Zukunftsmusik. Natürlich erheben Unternehmen Daten und werten diese aus. Aktuell ist es aber in Deutschland so, dass der Datenschutz sehr wohl ein penibles Auge auf all diese Auswertungen hat.

Wo wird es wirklich kritisch?

Beim Staat, und wenn Computer intelligenter werden.

Datenschutz wird für einen Staat anders ausgelegt als bei einem Unternehmen, denn es gilt ja Gefahren abzuwenden (siehe Staatstrojaner und Co). Die Stasi, die ich persönlich nur aus Erzählungen und Filme kenne, klingt für mich wie die kleine lustige Schwester von Google. All mein Nachrichten mit meinen vertrauten Personen können heute noch einfacher abgefangen und ausgewertet werden, und dies 24h am Tag, 7 Tage Woche etc.

Hier ist sehr wohl Einhalt geboten. Die Grünen kämpften damals für mehr Umweltbewusstsein, und aktuell beginnt eine neue Zeitrechnung mit den Piraten: Sie kämpfen für ein Verständnis des “Computerbewusstseins”.

Und was ist mit unserem dummen Computer? Er weiß noch nicht, was ein Schlafmittel ist. Aber es gibt sehr wohl sein etlichen Jahren Bestrebungen dies zu ändern. Diese Thematik nennt man im allgemeinen Sprachgebrauch künstliche Intelligenz (grob gesagt). Wenn ein Computer also erstmal Schlafmittel und andere Begriffe versteht, kann er selbständig Verknüpfungen herstellen, und so intelligent voraussagen wann eine Gefahr besteht (für die Person, den Arzt und den Arbeitgeber). Denn alle Daten von jetzt an können gespeichert, und in hundert Jahren ausgewertet werden. So ergibt sich ein Datenverlauf der für einen intelligenten Computer wie geschaffen ist.

Das aktuelle Problem ist also vielmehr: “Ich will keine persönliche Werbung” anstatt “Mein Girokonto kostet 10 Euro mehr weil ich zuviel meiner Daten Preis gebe”. Die Wege dorthin sind klar, aber wir sind noch lange nicht dort.

Und jetzt müsste der Einwand kommen: “Aber dann haben wir jetzt noch die Chance das alles aufzuhalten!”.

Um dem entgegen zu treten ein Zitat aus einem Dokumentarfilm in dem es um Gentechnik geht: “Wir dürfen nicht dagegen ankämpfen, denn die Möglichkeiten sind da, sie gehen auch nicht wieder weg. Wir müssen lernen damit sorgfältig umzugehen.”

Und genau so sehe ich das auch: Lasst uns alle Daten hernehmen und voraussagen wiev viel jede Familie durchschnittlich an Essen benötigt. Der Kühlschrank soll penibel genau Rückmeldung geben und nur das bestellen was gesund ist und satt macht. So könnte die Lebensmittelindustrie bessere Produkte herstellen, zielgerecht, und auch nur in den Masen wie sie gebraucht werden. Der Lebensmittelüberschuss von heute könnte so in Gegenden gebracht werden wo Nahrung knapp ist.

Man muss sehr wohl aufpassen was man wem preis gibt. Jedoch würde ich gerne eine genaue Analyse meiner selbst haben. Das Problem ist hier wieder: Wer hat meine Daten, und wie geht dieser jemand damit um.

Anstatt sich also zu weigern, könnte man das Problem auch anders angehen. Denn der Mensch passt sich an: Die Generation von heute wächst mit twitter, Facebook und Co auf. Und das ist auch gut so. Eine vernetzte Gesellschaft hat mehr Vor- als Nachteile. Auch wenn Facebook weiß dass ich die Modemarke Fred Perry like, so gibt es noch keinen genauen Aufschluss über meine Finanzen oder meine Lebensweise. Google weiß bislang noch mehr, aber dies scheitert im Moment noch an den genauen Auswertungen.

Gebt Google also keinen Big Brother Award, sondern einen Preis für technologischen Fortschritt. Denn Datensammeln ist wichtig und gut, es kommt nur auf die Auswertung und die Datenhaltung an.

Natürlich gibt es auch viele Negativ-Beispiele: Überwachungsstaat, Unternehmen die Mitarbeiter ausspionieren etc. Dies sind aber alles Beispiele, wie man Technologie negativ einsetzen kann. Es könnte also helfen der heutigen, jungen Generation ein Gefühl zu vermitteln wie sie mit Daten umgehen sollen. Und nicht im Sinne von: Verstecke ja alles, damit es keiner mitbekommt, sondern: Diskriminiere niemanden aufgrund seiner politischen Einstellung oder was dieser in seiner Freizeit macht.

Kommentare sind erwünscht, danke für die Zeit meinen Beitrag komplett zu lesen.

Autor: Bastian

Seit dem Relaunch von MACBUG.de für redaktionelle Texte zuständig. Vollzeit Frontend Developer, nebenberuflicher Autor für Macwelt und den Heise Verlag. Bastian auf twitter folgen.