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Meinung: Was in der neuen “IT-Community” falsch läuft – Ein Appell

von  Bastian  |  

Dieser Beitrag ist ein Journal Eintrag von MACBUG.de Redakteur Bastian. Er spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider, sondern dient dem offenen Meinungsaustausch.

Zur Zeit geht es wieder hoch her um die Firma in Cupertino. Durch die Klage gegen Samsung war Apple wieder in aller Munde. Obwohl sie dies wohl nicht wirklich nötig haben – ein Rekord jagt den nächsten, und wenn es nicht mal wieder um den “geschlossenen” App Store geht dann bestimmt um das iPhone 10 oder wie Apple seine Mitarbeiter behandelt und bezahlt. Hilft das alles nichts wird eine Steve Jobs Dokumentation dazwischen geschoben.

Wo ich aber so langsam aussteige ist die Anzahl an Neuigkeiten und vor allem: Die Neuigkeiten an sich.

Cultofmac und 9to5Mac berichten auch schon mal über das Trainingsprogramm von den den Apple Genies. Jeden Tag bekommt man jeden Fußstapfen über Mitarbeiter und Verwandten von Apple-Mitarbeitern mit, und alles dreht sich um den Glanz Apples.

Weiter geht es bei den “Geeks”. Laut Wikipedia:

Geek [giːk] (engl. umgangssprachlich für Streber, Stubengelehrter) bezeichnet heute allgemein eine Person, die sich durch großes Interesse an wissenschaftlichen oderfiktionalen Themen auszeichnet, die üblicherweise elektronischer (vgl. Computerfreak) oder phantastischer Natur sind. Seiner Herkunft nach bezog sich der Begriff ursprünglich auf Menschen, die durch absonderliche Taten auffällig waren (vgl. Freak).

Im heutigen Umgangston ist jeder ein Geek der mehr als 2x am Tag über sein Smartphone twittert oder sich jeden Monat neue Gadgets besorgt. Die inflationäre Bezeichnung der Geeks lässt daran zweifeln ob es diese Art von Mensch tatsächlich noch gibt – ist die IT doch in jeder Sekunde bei uns. Also gibt es wohl keine “Geeks” mehr sondern vielmehr den technikfizierten Menschen.

Auswirkungen hat das natürlich auch auf Apple: Anstatt auf die wahren Argumente von Apple zu schauen oder was sich dahinter verbirgt steht meist nur der Glanz des Apfels über allem.

Das schlägt sich auch in der heute noch dominierten PC-Welt nieder: Es gibt kaum ein Magazin das detailliert auf die Technik hinter UNIX und OS X eingeht. Das für viele fortschrittlichste Betriebssystem bzw. der “am besten designte” UNIX-Kernel schlägt in vielerlei Hinsicht Microsoft.  Auch dem Marktanteil geschuldet wird darüber aber kaum berichtet.

Weiter zu einem anderen “Konkurrenten”: Android. Laut Aussagen von einigen angeblichen Linux-Kennern freuen sie sich dass es ein Linux-System endlich geschafft hat in den breiten Markt vorzudringen. Das Android aber sogar fast noch weniger als iOS mit Linux zu tun hat beachtet wohl kaum einer.

Die Sache mit der “tweakbarkeit” wird außer Acht gelassen, denn einen “Root” benötigt auch jedes Android-Smartphone um vollen Zugriff zu gewähren. Wenn damit ein freies Betriebssystem gemeint ist, dann gute Nacht…

Ein weiteres Problem an der seichten Berichterstattung ist auch: Jedes Ökosystem ist geschlossen. Google geht den Weg dorthin, Microsoft auch. Wo früher Apple als böser Bube dargestellt wurde wird heute bei Microsoft als konsequenten Schritt gefeiert.

Kein Mensch blickt hinter die Fassade, Blogs die verwaschene IT-News liefern sollten von Personen die der Informatik nahe stehen wohl besser nicht gelesen werden. 

Das größte Problem bei dem Ganzen – bevor ich zu Apple selbst komme, und damit zu meinem Appell – ist dass IT in der breiten Öffentlichkeit als Gadgets verstanden wird. Man ist ein Geek und gibt Parolen von sich nur weil man ein Betriebssystem auf einem Tablet oder Smartphone bedienen kann, oder man weiß welches Notebook Samsung wann vorstellen wird.

Die Konsequenz sieht man sehr schön an dem Richterspruch gegen Samsung und für Apple: Personen, die noch nie eine eigene Software erstellt haben oder gar wissen was Software eigentlich ist, reden von Geschmacksmustern und FRAND-Patenten.

Der typische Fußball-WM-Effekt: Als großer Fussball-Fan von Kindesbeinen meide ich großräumig WM und EM Veranstaltungen. Jeder ist ein Fachmann nur weil er weiß wer bei der letzten EM bei Deutschland im Tor stand oder wie Abseits funktioniert.

In der heutigen IT-Welt ist jeder Tag WM/EM. Als “Fachmann” muss man Blogs meiden und ganz besonders den Kommentarabschnitt.

Der Kreis schließt sich wenn es um Apple geht: Die heutigen Fachmänner (die “Geeks” – ihr wisst…) verallgemeinern Apple auf eine Patentfirma und den glänzenden Apfel. Das Paradoxe:

Sie greifen zu Android weil sie dem Marketing-Apples nicht nachgehen und kein verblödeter Kunde sein wollen. Genau das sind sie aber im Endeffekt: Durch die Verblendung der Blogs und Medien (komisch – merkt ein Geek nicht das so manche Neuigkeit mittelmäßiger Blödsinn ist?) lässt man sich so blenden dass der Eindruck entsteht dass Apple nichts kann außer Icons zu designen. Was im Hintergrund abläuft, wie das System funktioniert, darauf achtet keiner.

Die heutigen “Geeks” lassen sich also vom Gadget-Wahnsinn leiten.

So, und was ist das Problem mit Apple?

Jeder der ein Apple-Gerät besitzt ist quasi selbst Schuld daran. Warum? Weil er es eigentlich nicht nötig hat auf irgendwelche Kommentare zu reagieren. Sind wir schon so weit? Tot geglaubte leben länger?

Vielleicht. Je tiefer ich mich aber in das Konzept von iOS und OS X einarbeite, desto weiter entfernt sich Android und Windows von mir. Und dies ist eine Meinung, keine Tatsache (Design-Entscheidungen eben ;) ).

Auch ein weiterer Ratschlag: Muss es täglich Neues geben rund um Apple? Interessiert mich es wirklich wie die Apple-Store-Mitarbeiter bezahlt werden? Ich kaufe ein Produkt das meinen Alltag verbessern soll. Entwickler entscheiden sich für eine Plattform auf der sie Spaß haben und Geld verdienen. Wenn einer ein anderes Betriebssystem für sich wählt: Sehr gut. So lange es nicht wie bei MeeGo und Nokia läuft wo ein komplettes OS gecancelt wurde ist doch alles im grünen Bereich.

Meine persönliche Meinung: Android ist im Moment mit 4.1 vom Design und Bedienung her auf jeden Fall vor iOS. Nicht von der Architektur, aber wenn man das “Moderne” sehen will ist Google wohl aktuell richtig fix. Lange hatte ich ein Android zwar nicht, dennoch muss man Respekt zollen.

Aber auch hier: Das sind Konzerne: Festes Budget, feste Termine, bis dahin muss das Produkt am Markt sein. Funktionen werden möglicherweise gestrichen um fertig zu werden, oder auf später verschoben weil man eine andere Version hat.

Alleine dieser Abschnitt macht klar: “Mein Smartphone kann dies und jenes was deines nicht kann” ist absoluter Blödsinn. Gerade für “uns Apple’ianer”: Bislang war es so dass Apple nur Dinge implementiert hat die zu 100% funktionieren. Seit iOS 5 und OS X Lion ist dies wohl wieder etwas verschwommen, aber hoffen wir dass diese Mentalität zurück kommt.

Auch würde ich mich eher für ein BlackBerry entscheiden als Android. Warum? Weil es Sachen kann die kein OS bisher leistet. Auf ein paar Funktionen kann ich verzichten, wie wohl wir alle.

Wenn wieder eine neue Produktpräsentation von eines der großen Unternehmen bevor steht wird vielerorts von “Innovationen” gesprochen, man anderen Unternehmen den Marsch bläst, Lichtjahre voraus ist und die anderen keine Chance mehr haben.

Lasst euch von diesem Bild-Zeitungsniveau nicht provozieren. Innovationen werden bei Forschungsunternehmen betrieben, vielleicht sogar verstärkt beim Millitär und in Großunternehmen. Dort werden zuerst neue Techniken und Herangehensweisen implementiert. Bis sich diese bezahlbar auf den Konsumermarkt niederschlagen dauert es.

Es gibt sicher vereinzelt Ausnahmen, dennoch erwarten uns mit einem neuen iPhone oder Galaxy Nexus keine weltveränderten Produkte. Welche die den privaten Lifestyle verbessern, mehr aber nicht.

Lernt lieber die Plattform auf der ihr arbeitet kennen, kommuniziert OS X so weiter dass es auch für weitere Personen oder PC-Magazine interessant wird. Bringt den Apple-Glanz zum Erlischen und zählt harte Fakten auf. Das MacBook sieht nicht gut aus, sondern bietet ein innovatives Betriebssystem.

Der Schluss-Appell also: 

Wenn ihr schon “Anhänger” eines Unternehmens seit dass seit 1985 den Konsumer-Markt mehrmals umgekrempelt hat, und eine feste und durchgängige Mentalität in der Produktpalette führt – so freut euch darüber. Durch das Lesen von Apple-Promi-Klatsch verstärkt sich diese Mentalität aber nicht. Auch wenn Apple die Marketingmaschine anwirft und jährlich neue Produkte auf den Markt feuert: Freut euch darüber dass ihr eine der stärksten Plattformen euer Eigene nennen könnt, und macht nicht jeden Hype und Anti-Hype mit.

Lasst in Foren und im Freundeskreis den Entwicklergeist an OS X und iOS aufblühen, und die Konkurrenz mit ihrem “Nichtwissen” alleine.

Um eine Begründung meiner Meinungen zu liefern: Auf allen “Technik-Blogs” wird nur von iOS, Microsoft und Google geredet. Ist auch verständlich: Um den Innovationsgehalt von anderen Betriebssystemen oder Firmen zu erkennen müsste man schon Fachmann sein. Darüber zu schreiben dass das Nexus 7 links anstatt rechts einen Button besitzt nicht…

Leider beschränken sich diese Berichte vielerorts auch nicht auf diese trivialen Dinge, sondern greifen tief in IT-Themen ein, worüber selbst Fachmänner wohl monatelang diskutieren könnten.

Kommentare sind erwünscht, danke für die Zeit meinen Beitrag komplett zu lesen.

Autor: Bastian

Seit dem Relaunch von MACBUG.de für redaktionelle Texte zuständig. Vollzeit Frontend Developer, nebenberuflicher Autor für Macwelt und den Heise Verlag. Bastian auf twitter folgen.

  • http://twitter.com/stoikr Der Stoiker

    Sehr guter Artikel!
    Ich bin erst seit gut 3 Jahren Mac-User und bis vor kurzem habe ich auch noch mit einer gewissen Begeisterung Blogs gelesen und rege kommentiert. Grade die Blog-Schnittstelle Apfelticker gehörte neben den etwas breiter aufgestellten Branchen-Größen wie Heise und Golem zu meinem täglichen “Rundgang”.
    Aber seit 4 Monaten meide ich die meisten Seiten und folge nur noch spartanisch den Blogs, die auch mal tiefer ins System gehen. Kommentare überfliege ich höchstens, wenn der Artikel besondere Qualität besitzt.
    Ich merkte einfach, dass das meiste keinen Mehrwert mehr für mich hat. Im Gegenteil, man regt sich unnötig auf und korrigiert dann unzählige Male die immer gleichen falschen Aussagen. Ich will mich nicht mehr “vor Apple stellen” oder meine Kaufentscheidungen rechtfertigen müssen, nur weil andere fast wie nach Protokoll unter jeden Apple-Artikel die immergleichen Argumente herunterbeten.

    Und das nervt und kostet Lebenszeit, die ich besser damit verbringen könnte, mich noch tiefer in das System einzulesen. Da hab ich mehr von.

  • http://www.facebook.com/kosmos.azubit Kosmos Azubit

    Danke für den Artikel.
    Die erste Hälfte war sehr interessant zu lesen und spiegelt ebenso meine Ansicht.
    Die zweite Hälfte war solala mit zu viel Meinungsansicht, was in Ordnung ist, doch Stellenweise mehr nach Rechtfertigung klang für dies und jenes.