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WWDC-Keynote: Apple schafft 3,5 Dinge ab und erfindet sich neu

von  Bastian  |  

Die WWDC 2011 hat gestern begonnen, und wie gewohnt mit einer Keynote voller neuen Features und Produkte. Diesmal war es Software, kein neues iPhone. Was auch nur logisch ist. Um Apple zu verstehen, bedarf es mehr als Faktenanalyse und unwissende Grundsatzdiskussionen über Datenschutz à la SZ, Spiegel und Co. Es geht mir hier primär um MacOS X Lion. Dass Apple mit iOS 5 das Rad nicht neu erfunden hat, dürfte jetzt bekannt sein. Sie verbauen Features die andere Betriebssystem für Smartphones schon lange können. Aber dieses Thema zieht sich schon seit dem ersten iPhone wie ein Kaugummi. Apple schafft ein OS für Ihre iDevices, das am einfachsten zu bedienen ist. Intuitiv, und das trotz Feature-Vielfalt. Apples Prinzip ist: Onboard. Alle Features soll der Kunde bereits beim Einschalten erhalten, ohne lästige Tools oder Zusatzprogramme. Wenn jetzt wieder der Vergleich mit Android kommt: Dieser ist schon fast sinnlos. Android bietet eine Plattform die jeder Handyhersteller oder Nutzer nach seinen Bedürfnissen zusammen stellen kann. Wem welches OS mehr liegt soll jeder für sich entscheiden.

1. Apple erfindet sich neu

Kommen wir aber zum springenden Punkt der gestrigen Keynote: Ohne dass es von den großen Medien aufgegriffen wurde, hat sich ein Machtwechsel angedeudet im Hause Apple. Bei Steve Jobs’ Krankheit kochten die Gemüter bei den populären Tages- und Wochenzeitschriften hoch: “Apple geht ohne Steve Jobs unter”. Dass er zu der Zeit schon gar nicht mehr der aktive Dreh- und Angelpunkt der Geschäfte Apples war beachtete dabei keiner. Dies zeichnet sich schon seit 1-2 Jahren ab. Apple veröffentlicht schon seit längerem Produktvideos, in dem die Ingenieure ihre eigenen Produkte vorstellen. Einerseits logisch, Produktpräsentation ist wichtig.

Andererseits dürfte da viel mehr dahinter stecken: Apple versucht sich ein Gesicht zu geben, oder viel mehr: Die Gesicher hinter Steve Jobs bekannt zu machen. Denn bislang stand Steve Jobs für Apple. Seit den letzten Keynotes präsentieren allerdings auch die Entwickler die neusten Funktionen live auf der Bühne, und Steve Jobs verschwindet hinter dem vom Vorhang, sinnbildlich. Am 07.06.2010, also genau vor einem Jahr, dann eine weitere Geste: Steve Jobs bat alle Entwickler, die an den vorgestellten Produkten mitgearbeitet haben, auf zu stehen, damit diese ihren verdienten Applaus bekamen. Früher undenkbar, früher gab es Steve Jobs und dahinter lange nichts. Jetzt will er, so scheint es, mit aller Macht die Gesichter hinter den Produkten bekannt machen, um zu zeigen: Ich bin nicht wichtig, wichtig sind die Entwickler. Dies führt er mit jeder Keynote fort, am Ende gibt es Applaus für die Ingenieure. Beim der Vorstellung des iPad 2 gab es nicht nur dieses gewohnte Ritual, nein, sogar eine kleine Rede an die Familien, die den Mitarbeitern Apples bei Seite stehen.

Als Abschluss dürfte die Keynote gestern gezählt haben: Die Hauptshow erledigten andere, Jobs war nur Zuschauer. Am Ende stellte er seine neue iCloud vor, und schloss damit wohl seine ToDo-Liste auf den Weg zur Spitze ab. Überall boomende Zahlen:

IBM überholt, den jahrzentelangen Konkurrenten, den er mit dem ersten Macintosh schon vom Tron verdrängen wollte, und grandios gescheitert ist. Apple ist zum heutigen Tag mehr Wert als Microsoft und Intel zusammen. Der Mac App Store ist das größte Software-Portal der Welt, und schlug damit innerhalb von 6 Monaten Wall Mart und Co. Mit den neuen “kabellosen” iPhones, iPads und iPods dürfen diese nun auch als vollwertige Einzelgeräte betrachtet werden. Sicher nicht ein Nachteil für Apple, denn nun braucht man keinen Kontakt mehr mit einem PC um ein iPhone zu bedienen. iOS ist Marktführer in der Handysparte, Safari der meist genutzte mobile Browser. Apple hat die meisten Apps und eine rasant steigende Zahl an Entwicklern. Mit dem AppStore und Mac App Store haben sie eine lukrative Plattform geschaffen. Mit dem Developer-Tool Xcode und all den, zum großen Teil OpenSoruce, Techniken und Schnittstellen in MacOS X dürfte dies erst der Anfang sein.

2. Apple schafft das Speichern ab

Das spannende an Apple ist jedoch nicht wer an der Spitze steht, sondern vielmehr die Philosophie. Die Kunst ist es nicht, Technik zu erfinden die jeden vor Begeisterung aufspringen lässt. Es ist vielmehr eine Kunst den Computer als Produktivitäts-Tool zu sehen, der den täglichen Arbeitsablauf verbessern und vereinfachen soll. Und dies lässt die Konkurrenz reihenweise verzweifeln. Außer Google gibt es kein anderes Unternehmen, das es schafft, aus Kundensicht zu denken.

Würden andere Konzerne bei einer Produktvorstellung das automatische Abspeichern anpreisen? Aber wie mit den Touchgesten schafft Apple auch hier etwas vortreffliches: Keinen Gedanken mehr an so sinnlose Aktivitäten wie das Speichern zu verschwenden. Ähnlich wie beim Navigieren durch MacOS X: Ohne nachzudenken einfach bedienen.

In MacOS X Lion gibt es zwei neue Features: AutoSave und Versionierung. Dateien, seien es Textdateien, Bilder, PDF-Dateien etc., speichern automatisch jede Änderung ab, und auf Wunsch kann man in der Zeitleiste zurück gehen und alte Änderungen per Copy&Paste oder ein komplettes Dokument zurück holen. Das ist mehr als es zunächst klingen mag. Ich habe aktuell Lion auf dem MacBook Air und Snow Leopard auf dem iMac. Man verinnerlicht dieses einfache Schließen der Programme so schnell, dass man sich schon nach kurzer Zeit über dieses “Möchten Sie speichern?” Pop-Up-Fenster aufregt. An solchen Nuancen zu schrauben kann sich wohl nur Apple leisten.

3. Apple schafft die optischen Medien ab

MacOS X – Lion wird es nur noch über den Mac App Store geben. Keine optischen Datenträger mehr. Lion legt bei der Installation automatisch eine Backup-Partition an, die man zum Reparieren oder Neuinstallieren starten kann. Und noch ein schönes Feature: AirDrop. Im Finder taucht in der linken Seitenleiste ein neuer Punkt auf: AirDrop. Befindet sich ein oder mehrere Macs in der Nähe, erscheinen diese unter AirDrop. Per Drag&Drop eine Datei auf den jeweiligen Benutzer ziehen und fertig. Kein Setup oder gar USB-Sticks erforderlich. In Zukunft soll man ohne Kabel oder Datenträger durch das Leben gehen.

4. Apple schafft den Computer als Zentrale ab

Mit der iCloud schafft Apple nicht nur das erste richtige System für die private Cloud, sondern verbannt den Computer als ein Gerät wie jedes andere auch. Bis jetzt muss man noch “daheim” seine Daten synchronisieren, um auf langen Reisen vorbereitet zu sein, oder die neusten Unterlagen auf dem jeweiligen Gerät zu haben. Die Zukunft sieht anders aus: Alles ist synchron. Wenn ich mein iPhone einschalte und ein Lied herunterlade, erscheint es wenn ich Abends zu Hause bin auch auf dem “großen” Rechner. Alles lebt in der Cloud, und die verschiedenen Geräte holen sich nur noch die Dateien, die sie wirklich brauchen. Der Computer als Datenmonster und Versorger hat ausgedient.

5. Apple schafft, zum Teil, das Dateisystem ab

Nicht ganz, aber die Bedeutung schrauben sie, für den normalen Anwender, auf das Nötigste herunter. Durch das Launchpad braucht man nicht mehr wissen wo sich die einzelnen Dateien und Programme befinden. Alles sortiert und findet man im neuen Launchpad. Eine ähnliche Ansicht wie von iOS gewohnt um die einzelnen Apps an zu ordnen und zu starten. Der Finder erhält einen neuen Menüpunkt: “Alle meine Dateien”. Dort kann man sich alle Dateien, die man auf der Festplatte hat, anzeigen lassen und nach bestimmten Kategorien gruppieren. Speicherort egal. Wer das Journal auf MacBug.de aufmerksam liest, düfte dies bekannt sein: Ich habe am 22.Mai schon in einem Artikel auf diese mögliche Intention hingewiesen. Und auf der Keynote wurden meine Worte sogar fast wortwörtlich übernommen: Mach dir keine Gedanken mehr wo deine Dateien sind, zeige sie dir einfach passend an.

Zum Abschluss kan man sagen: Mit Lion bekommen wir ein edles, und noch einfacheres OS zur Verfügung gestellt. Die ganz großen Revolutionen sind ausgeblieben. Aber mal ehrlich: Was soll man an diesem Betriebssystem auch ändern? Unter der Haube wurden notwendige Sicherheitsfeatures wie Sandboxing endlich nachgeliefert, und zahlreiche neue APIs für Entwickler freigeschaltet. Bald leben wir nur noch Fullscreen, und wischen uns durch das System. Entwickler bekommen mehr Features, und eine sicherere Umgebung für Ihre Software.

Ein durch und durch perfektes Betriebssystem bekommt nun einen würdigen Cloud-Rahmen, um auch andere Endgeräte ein zu binden. In diesem Sinne: Viel Spass beim Warten auf Lion!


Autor: Bastian

Als Informatik-Student, und seit kurzem stellv. Chef-Redakteur bei MACBUG.de, will ich neuen Usern helfen, in die Macintosh-Welt ein zu tauchen, sowie langjährigen Nutzern neue Möglichkeiten eröffnen, wie Sie noch effizienter mit einem Mac arbeiten können. Themengebiete: UNIX, Terminal, MacOS X Allgemein Über Anregungen, Kritik und Problemberichte freue ich mich sehr - via Kommentar-Funktion oder Kontaktformular!